Kulturtipp

Nº 66

Eine Fußballgschichte

Grafik: Jabs
Grafik: Jabs

MEIN SELBSTTOR 

Vor einigen Tagen traf ich einen alten Mannschaftskameraden. Die ersten Fragen drehten sich nicht um Krankheiten, die plagen, und Sorgen um die politischen Entwicklungen in Deutschland. Der ehemalige Mitspieler fragte sofort nach den Neuigkeiten um die Humboldt-Familie, unseren Fußballverein.Viele Worte über die aktuellen Tabellenstände unserer Teams verschwieg ich beschämt und bewusst. Für unsere schwarz und weißen Fahnen laufen auch nur noch Kleinfeldmannschaften der Übervierzig- und Übersechzigjährigen auf dem Kunstrasen in Hohenschönhausen auf. Ja, damals zu vermeintlich goldenen Zeiten, war das anders…Freudig erzählte ich ihm von unserer aktuellen Initiative. Der Stammtisch der ganz alten Humboldt-Kämpen, die sich seinerzeit selbst „Bunter Haufen“ betitelten, begann, eine Jahrhundertelf aufzustellen. Da wollte unsere Spielergeneration, also die Haudegen, welche in mindestens zehn Jahren und bei über einhundert Einsätzen für die erste Männermannschaft ihre Knochen hingehalten haben, nicht nachstehen. Der ehemalige Mitstreiter mutmaßte messerscharf: „Da finde ich wohl keine Berufung. Aber bist du denn unter den Auserwählten?“ Kurz ließ ich ihn überlegen. „Du bist bestimmt dabei. Und mit der eignen Einordnung als ewiger Selbsttorschütze willst du dich doch immer nur interessant machen. Aber an einen Treffer ins eigene Netz kann ich mich noch genau erinnern. Ich glaube, das war 1990 in einem Sommertrainingslager im brandenburgischen Klein Köris gegen  eine Elf aus diesem Dorf. Wir führten nach 45 Minuten 3:0.Mit Beginn der zweiten Halbzeit des Vorbereitungsspiels schobst du die Lederkugel nach wenigen Minuten, an unserem verdutzt dreinschauenden Torsteher schnurstracks in die kurze Ecke unseres Kastens. Hier passt übrigens das Eigenschaftswort „humorlos“, das in Fußballkommentaren oft unpassend benutzt wird, endlich mal. Bis heute kann ich mir nicht erklären, welcher Teufel dich da geritten hat.“ Justament in diesem Augenblick tauchte die fast vergessene Geschichte wieder im Tal der Erinnerungen auf. Und vielleicht soll ich doch endlich diese Mär, welche im oft zitierten und verbrieften Humboldt-Legendenschatz beharrlich Niederschlag fand, aufklären. In der bedeutungslosen Auseinandersetzung stand nämlich gleich nach der Halbzeitpause ein junger Mann zwischen den Pfosten, der sich meinen Zorn zugezogen hatte. Die Forderung vor gefühlt jeder bevorstehenden Saison war, dass wir unsere Mannschaft verjüngen müssen. Das traf zuerst unseren bewährten Schlussmann und mich, wir waren deutlich ältere Akteure. Eben dieser junger Spieler, der sich nun als Ersatztorwart bewähren sollte, hatte sich sich bei den Kaderdiskussionen besonders hervorgetan.  Er versuchte, sich beim Trainer immer wieder Gehör zu verschaffen, sich einzuschleimen.     Einst vernahm ich zufällig, wie er, völlig respektlos unseren ausgezeichneten Torwart und meinen Sportfreund betreffend, murmelte: „Solange die Mumie da in der Kiste steht, steigen wir nie auf.“ Unverständlich war mir, dass unser Trainer seinen Gedanken aufnahm und diesen Intriganten zur zweiten Halbzeit als Keeper einwechselte. Ich glaubte einfach, handeln zu müssen und schritt entschlossen zur Tat.…  

Der alte Mann blieb noch zwanzig Jahre unser Stammtorwart.